Schichten über Schichten – Die Zukunft der Handschriften-forschung

poster / demo / art installation
Authorship
  1. 1. Torsten Schaßan

    Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

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Die Handschriftenforschung hat sich in der Vergangenheit auf die Erschließung durch Katalogisierung auf der einen Seite und Textedition auf der anderen gestützt. Sowohl Katalogisierung als auch Textedition stützen sich nunmehr immer stärker auf digitale Daten. Insbesondere sind immer mehr Handschriften als Imagedigitalisate verfügbar. Zentrale Nachweisportale wie Manuscripta Mediaevalia, e-codices oder Biblissima bieten Einstiegspunkte für alle Arten von handschriftenbezogenen Informationen. Mit der Entität „Handschrift“ im Mittelpunkt können Digitalisate, Katalogisate, Nachweise zu Wasserzeichen, Einbandstempeln oder Provenienzen verbunden werden. Solche Verknüpfung erfordern die Anreicherung mit Normdaten, um so zur Grundlage für Linked Open Data und das Semantic Web zu werden.
Während die Notwendigkeit bzw. Nützlichkeit, Normdaten für Personen,
Institutionen, Orte und auch teilweise Bildinhalte anzubieten und zu nutzen
schon relativ weit verbreitet ist und diese auch von der Forschung
eingesetzt werden, denken die Handschriftencommunities weiter: Auch die
Objekte selbst, Handschriften und Texte sollen in normierter Form zugänglich
gemacht werden. Entsprechende Normdatensysteme zur eineindeutigen
Identifizierung von Objekten des kulturellen Erbes befinden sich in der
Entwicklung (Kailus 2013).
Die Entwicklung zur Erschließung historischer Materialien macht hier allerdings nicht halt: Die Überlegung, dass historische Dokumente Schichten von vielerlei Informationen aufweisen und auch in Zukunft immer neue Schichten anhäufen werden, ist der Ausgangspunkt für die Entwicklung eines neuen Datenformats, Shared Canvas:
- Die Materialoberfläche kann durch Schichten von Bildern repräsentiert werden, doch auch sie selbst kann aus Schichten bestehen, die durch Abbildungsverfahren wie der Multispektralfotographie sichtbar gemacht werden können.
- Auch der Beschreibprozess kann als Schichtung historischer Prozesse
verstanden werden. Das Befüllen der Seite geschieht in einer chronologischen
Reihenfolge, die in einer Edition sichtbar gemacht werden kann. Dieser
Ansatz hat in der theoretischen Strömung der genetischen Edition seinen
Niederschlag gefunden. (Brüning et al. 2013; Burnard et.al. 2011)
- Einzelne Oberflächen können in beliebige Kontexte gesetzt oder auch in beliebige Reihenfolgen gebracht werden: Virtuelle Sammlungen entstehen durch forschungsgeleitete Zusammenstellung; auseinander gerissene Handschriften, sogenannte 'Codices discissi', können virtuell zusammengesetzt, falsch gebundene Handschriften virtuell in die richtige Reihenfolge gebracht werden.
- Schließlich wird die Annotation der (Bild)Oberfläche selbst, durch Forscher und Handschriftenkundler, weiter Schichten des Wissens über die Objekte versammeln und zugänglich machen, die ebenfalls visualisiert sein wollen.
Um all das zu erlauben, ist in internationaler Zusammenarbeit die Idee des
Shard Canvas (Sanderson & Albritton 2013) entstanden welches eine
theoretische Antwort auf die vielfältigen Bedürfnisse der
Handschriftenforschung geben soll. Basierend auf Semantic Web-Technologien
wie RDF und JSON sollen die geschichteten Informationen abgerufen, in
Beziehung gesetzt und visualisiert werden können. Mit IIIF (International
Image Interoperability Framework, sprich: Triple-I, F) liegt ein
implementierendes Format vor.
Im Poster werden die Entwicklungen im Feld der Handschriftenforschung, ihrer theoretischen Grundlagen und die daraus resultierenden Möglichkeiten im Semantic Web aufgezeigt.

Bibliographie

Biblissima (2013): Bibliotheca
bibliothecarum novissima Patrimoine écrit du Moyen Âge et de la
Renaissance, Bibliothèque numérique, VIIIe au XVIIIe siècle. http://www.biblissima-condorcet.fr [letzter Zugriff 31. Dezember
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Brüning, Gerrit / Henzel, Katrin / Pravida, Dietmar
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Journal of the Text Encoding Initiative 4 http://jtei.revues.org/697
[letzter Zugriff 31. Dezember 2015].

Burnard, Lou / Jannidis, Fotis / Pierazzo, Elena / Rehbein,
Malte (2011): An Encoding Model for Genetic
Editions
http://www.tei-c.org/Activities/Council/Working/tcw19.html
[letzter Zugriff 31. Dezember 2015]

Burrows, Toby (2011): „Applying Semantic Web
Technologies to Medieval Manuscript Research“, in: Fischer, Franz / Fritze,
Christiane / Vogeler, Georg (eds.): Kodikologie und
Paläographie im digitalen Zeitalter 2. Norderstedt: BoD 117-131
http://kups.ub.uni-koeln.de/4346/ [letzter Zugriff 31. Dezember
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EBDB (2001-*): Einbanddatenbank
Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Herzog August Bibliothek
Wolfenbüttel, Bayerische Staatsbibliothek München, Staatsbibliothek zu
Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Universitäts- und Landesbibliothek
Darmstadt, Universitätsbibliothek Rostock http://www.hist-einband.de
[letzter Zugriff 31. Dezember 2015].

e-codices (2003-*): e-codices:
Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz. Universität
Freiburg, Schweiz http://e-codices.unifr.ch [letzter Zugriff 31. Dezember 2015].

IIIF (2011-*): International Image
Interoperability Framework
http://iiif.io [letzter Zugriff 31.
Dezember 2015].

Kailus, Angela (2013): RDA in der
Dokumentation von Kunst und Architektur. Workshop am 10. September
2013. Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt am Main http://www.dnb.de/SharedDocs/Downloads/DE/DNB/standardisierung/rdaKultur2013Kailus.pdf
[letzter Zugriff 31. Dezember 2015].

Manuscripta Mediaevalia (2000-*): Staatsbibliothek zu
Berlin- Preußischer Kulturbesitz, Deutsches Dokumentationszentrum für
Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg, Bayerische Staatsbibliothek
München http://www.manuscripta-mediaevalia.de [letzter Zugriff 31.
Dezember 2015].

Sanderson, Robert / Albritton, Benjamin (2013): Shared Canvas Data Model
http://iiif.io/model/shared-canvas/1.0/ [letzter Zugriff 31.
Dezember 2015].

Sanderson, Robert / Albritton, Benjamin / Schwemmer, Rafael
/ Van de Sompel, Herbert (2011): "SharedCanvas: A Collaborative
Model for Medieval Manuscript Layout Dissemination", in:
arXiv:1104.2925
http://arxiv.org/abs/1104.2925 [letzter Zugriff 31. Dezember
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Stinson, Timothy (2009): „Codicological Descriptions in
the Digital Age“, in: Rehbein, Malte / Sahle, Patrick / Schaßan, Torsten
(eds.): Kodikologie und Paläographie im digitalen
Zeitalter. Norderstedt: BoD 35-51 http://kups.ub.uni-koeln.de/2959/ [letzter Zugriff 31. Dezember
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Terras, Melissa (2011): „Artefacts and Errors:
Acknowledging Issues of Representation in the Digital: Imaging of Ancient
Texts“, in: Fischer, Franz / Fritze, Christiane / Vogeler, Georg (eds.): Kodikologie und Paläographie im digitalen Zeitalter
2. Norderstedt: BoD 43-61 http://kups.ub.uni-koeln.de/4342/ [letzter Zugriff 31. Dezember
2015].

WZIS(2010-*): Wasserzeichen-Informationssystem. Bayerische Staatsbibliothek
München, Deutsche Nationalbibliothek Leipzig, Landesarchiv
Baden-Württemberg, Österreichische Akademie der Wissenschaften,
Staatsbibliothek zu Berlin, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart,
Universitätsbibliothek Leipzig http://www.wasserzeichen-online.de [letzter Zugriff 31. Dezember
2015].

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DHd - 2016
"Modellierung - Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma"

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