Das erste dynamische Stemma, Pionier des digitalen Zeitalters?

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Authorship
  1. 1. Armin Hoenen

    Goethe Universität Frankfurt

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Einleitung
Ein Stemma codicum ist ein Stammbaum, der jedoch nicht die Verwandtschaft von Wesen oder Sprachen, sondern von Manuskripten darstellt. Dabei symbolisiert ein Knoten in der Terminologie der Graphtheorie ein Manuskript und eine Kante einen Kopierprozess. Bei jedem handschriftlichen Kopierprozess passieren Fehler, die dazu führen, dass alle Manuskripte unterschiedliche Textfassungen aufweisen .
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Geschichte der Stemmatologie
Laut Timpanaro (2005) ist das Stemma von C. Schlyter aus dem Jahre 1827 eines der
frühesten Stemmata im wissenschaftlichen Sinne überhaupt, s. Abbildung 1.
Nachdem Editoren zu Beginn des Printzeitalters für handschriftlich tradierte
Texte entscheiden mussten, welche Version eines Textes sie drucken und damit
einer breiten Masse zugänglich machen, entstand langsam ein Bewußtsein für die
Notwendigkeit einer genauen Analyse der Manuskriptgenealogie, um möglichst
präzise den Autorentext wiederzugeben. Im Printzeitalter bedeutete dies die
Reise an verschiedene teils weit auseinanderliegende Aufbewahrungsorte der
Manuskripte, den händischen Vergleich der Wortlaute der Manuskripte und später
den Vergleich durch Photographien (Faksimiles). Gleichzeitig wurde die
theoretische Auseinandersetzung mit der richtigen Art und Weise,
Übereinstimmungen und Divergenzen in Manuskripten zu interpretieren immer
genauer geführt. Als Beispiele sind besonders Bedier (1928) und Maas (1937) zu
nennen.
Der Übergang ins digitale Zeitalter erfolgte in den 90er Jahren des letzten
Jahrhunderts, vgl. z. B. Robinson and O’Hara (1996); van Reenen et al. (1996);
Robinson et al. (1998). Hierbei wurde aus der bio-informatischen Phylogenie viel
Methodik entlehnt und die meisten Programme, die bis heute zur Berechnung und /
oder Visualisierung in der automatisierten Stemmatologie eingesetzt wurden,
stammen aus der Bio-Informatik. Dort herrschen andere Foci, die zu bis dato in
der Stemmatologie nicht bekannten neuen Visualisierungen geführt haben (s. u.).
Der vorliegende Artikel bezieht sich im Kern nicht auf die digitalen Methoden
der Berechnung von Similaritäten in Stemmata, sondern auf die dem auch in der
manuellen Stemmatologie folgende Umsetzung in eine geeignete Visualisierung.

Abb. 1: Frühes Stemma, nach O’Hara (1996), aus H. S. Collin
und C. Schlyter, 1827, Corpus Iuris Sueo-Gotorum Antiqui, Z Haeggstrom,
Stockholm,1.

Geschichte der Visualisierung
Die Geschichte der Visualisierung eines Stemmas oder von Stammbäumen läuft
parallel zur allgemeinen Geschichte der Stemmatologie, weist jedoch Unterschiede
zu den anderen Trees-of-history, wie sie O’Hara (1996) getauft hat, auf. Zum
Beispiel wurde der buchstäbliche Baum selber zwar sowohl in der Sprachevolution,
als auch in der Phylogenie zur Illustration herangezogen, nach bestem
Autorenwissen nicht (wenn überhaupt wesentlich seltener) jedoch in der
Stemmatologie. Bereits Schlyter benutzt 1827 Kreise als
Manuskriptrepräsentatoren und unterlegt den Baum mit einer Zeitskala, die jedoch
für das Gros der Stemmata nicht üblich ist. Wenige Konventionen sind in der
Philologie für Stemmata allgemein verbindlich. Griechische Buchstaben
repräsentieren verlorengegangene Manuskripte; Kontamination, der Prozess zwei
Vorlagen für eine Kopie zu benutzen wird durch eine gestrichelte Kante von einem
zweiten anzestralen Manuskript her symbolisiert. Seit dem Übergang ins digitale
Medium werden Visualisierungen publiziert, die parallel zu biologischen
Darstellungen die Wurzel ins Zentrum, aber nicht an den Kopf der Darstellung
rücken. Diese aus der Phylogenie entlehnte Darstellungsweise beruht
zugegebenermassen auf anderen Foci der Phylogenie, für die die Similarität der
Blätter im Mittelpunkt steht, während die Stemmatologie ebenso an den
Zwischenknoten interessiert ist. Die Darstellung in Abbildung 2 zeigt ebenfalls
eine farbliche Kennzeichnung von Manuskriptgruppen. Die vielfältigen
Möglichkeiten der digitalen Darstellung, wie z. B. dieses farbliche Unterlegen
sind jedoch noch nicht konventionalisiert.

Abb. 2: Ein Stemma, das von bio-informatischer Software
(SplitsTree) generiert wurde, Howe et al. (2001).

Dynamisches Stemma
Im digitalen Medium sind Visualisierungen und Berechnungen möglich, die im
Printzeitalter schlichtweg nicht realisierbar gewesen sind. Was die
Stemmatologie angeht, bezieht sich dies auf die Möglichkeit dynamischer
Stemmata. Dynamische Stemmata sind z. B. solche Stemmata bei denen das
dynamische Stemma sich aus mehreren Unterstemmata S 0 , ..,
S n zusammensetzt, wobei jedes dieser Unterstemmata einen
Zeitpunkt ti in der Genese des endgültigen Stemmas repräsentiert. Auf diese
Weise können auch Zyklen, wie sie von Andrews and Mace (2013) angesprochen
wurden genetisch analysiert werden. Jedes Mal, wenn also eine Manuskriptkopie
angefertigt wurde, entspricht dies einem neuen Zeitpunkt ti und damit einem
neuen Unterstemma S i , welches de facto dem Stemma S i−1 plus einer Kante (dem Kopierprozess) sowie eines Knotens
(des neuen Manuskriptes) entspricht. Entsprechend lassen sich Phänomene wie der
Verlust von Manuskripten, z. B. durch eine Bücherverbrennung oder Kontamination
einbinden.
Die dynamische Darstellung, s. beispielhaft Abbildung 3 ist eine wichtige
Innovation, die im Printzeitalter für jedes Teilstemma eine eigene Abbildung
erfordert hätte, wobei diese Abbildungen bis auf ein einziges Detail einander
geglichen hätten. Eine solche Darstellung wurde nach bestem Wissen des Autors
daher nicht, definitiv nicht als Standard produziert. Eine Posterpräsentation
als Printmedium kann jedoch mit Farben oder aufeinanderfolgenden Einzelbildern
die Animation simulieren und digital literaten Betrachtern so einen Eindruck des
digitalen Erscheinungsbildes vermitteln. Epistemologisch ist der Übergang von
einem statischen Stemma zu einem dynamischen gleichzeitig ein Desideratum und
eine Aufgabe der digitalen Geisteswissenschaften. Die digitalen
Geisteswissenschaften leisten hier den Übergang vom Print ins digitale Zeitalter
in der Weise, dass die Möglichkeiten des Digitalen erfasst und bestmöglich zur
Erweiterung oder auch Transformation der disziplinenspezifischen Grundlagen,
Methoden und Werkzeuge für den hermeneutischen Prozesses umgesetzt werden.
Gleichzeitig emanzipiert sich das digitale Stemma hierbei vom statischen
Printgegenpart, indem es die bloße Nachahmung des alten im neuen Medium
überkommt. Die Dynamisierung von Bäumen ist eine digitale Bereicherung nicht nur
für die Stemmatologie, sondern auch für die Phylogenie und Sprachevolution und
bietet auf Anhieb mehr visuelle Information als ein statisches Stemma. Durch die
Identifikation der Wurzel eines Stemmas, die z. B. durch die Nutzung
paläographischer Gegebenheiten forciert werden könnte, kann die dynamische
Animation operationalisiert werden oder aber man legt eine manuell erarbeitete
Genese zu Grunde. Das Stemma in Abbildung 3 wurde mit der Software LaTeX
(Packete tikz und animate) erstellt und durch GIMP in ein gif übertragen. Der
Vorteil eines animierten Stemmas ist es dank des Überganges von einem statischen
Bild des Endzustandes des Stemmas zu einer animierten Sequenz
aufeinanderfolgender Zustände des Stemmas im selben visuellen Raum das intuitive
Verständnis der Stemmagenese zu fördern oder vielleicht sogar erst zu
ermöglichen.

Auch Prozesse wie willentliche Veränderungen, falsche Rückverbesserungen usw. spielen in der Manuskriptgenese eine Rolle.

Bibliography

Andrews, Tara L. / Macé, Caroline (2013): "Beyond the
tree of texts: Building an empirical model of scribal variation through
graph analysis of texts and stemmas", in: Literary and
Linguistic Computing 28, 4: 504–521.

Bédier, Joseph (1928): "La tradition manuscrite du 'Lai
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Howe, Christopher J. / Barbrook, Adrian C. / Spencer,
Matthew / Robinson, Peter / Bordalejo, Barbara / Mooney, Linne R.
(2001): "Manuscript evolution", in: TRENDS in
Genetics 17, 3: 147-152.

Huson, Daniel H. (1998): "Splitstree: analyzing and
visualizing evolutionary data", in: Bioinformatics
14: 68–73.

Maas, Paul (1937): "Leitfehler und Stemmatische Typen",
in: Byzantinische Zeitschrift 37, 2: 289–294.

O’Hara, Robert J. (1996): "Trees of history in
systematics and philology", in: Memorie della Società
Italiana di Scienze Naturali e del Museo Civico di Storia Naturale di
Milano 27, 1: 81–88.

Robinson, Peter / Barbrook, Adrian C. / Blake, Norman /
Howe, Christopher J. (1998): "The Phylogeny of The Canterbury
Tales", in: Nature 394: 839.

Robinson, Peter / O’Hara, Robert J. (1996): "Cladistic
Analysis of an Old Norse Manuscript Tradition", in: Research in Humanities Computing 4: 115-137.

Timpanaro, Sebastiano (2005): The
Genesis of Lachmann’s Method. Chicago: University of Chicago.

van Reenen, Pieter T. van / van Mulken, Margot (1996):
Studies in Stemmatology I. Amsterdam /
Philadelphia: John Benjamins Publishing Company.

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