Excerpta Constantiniana: vom Palimpsest zur Edition einer mittelalterlichen Enzyklopädie

poster / demo / art installation
Authorship
  1. 1. Dariya Rafiyenko

    Universität Leipzig

Work text
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In diesem Poster wird die digitale Edition der Excerpta
Constantiniana (im Weiteren Excerpta), einer
byzantinischen Geschichtsenzyklopädie, die im 10. Jahrhundert in Konstantinopel in
Altgriechisch verfasst wurde, vorgestellt.
Zugrunde liegt ein disziplinspezifisches Forschungsprojekt im Bereich Klassische und Byzantinische Philologie, dessen Ziel darin besteht, die Edition einer wichtigen Quelle der byzantinischen Geschichtsschreibung vorzulegen. Das Ziel dieses Posters ist fachübergreifend und besteht darin, die Rolle des Herausgebers sowie das Konzept der Präsentation einer historischen Quelle in digitaler Umgebung zu definieren.
Bei den Excerpta handelt es sich um ein groß angelegtes,
mehrere Bände umfassendes Werk. Es besteht aus mehreren Tausend einzelnen Auszügen
(Exzerpten), die inhaltlich aus etwa drei Dutzend antiken und byzantinischen
Geschichtswerken stammen. Die erhaltenen Reste umfassen etwa 560 000 Wörter (es wird
vermutet, dass fast das Zehnfache verlorengegangen ist). Die beiden erhaltenen
Originalhandschriften der Excerpta (je ein Band) zeichnen
sich durch ein bemerkenswertes Layout aus: zum Zweck der Navigation durch den Inhalt
wurden an deren Rändern mehrere hundert Notizen und Piktogramme angebracht (s.
Abbildung 2).
Die Edition des Gesamtwerks befindet sich in der Vorbereitungsphase; exemplarisch
wurde bereits ein Abschnitt aus den Excerpta ediert, und zwar
24 Seiten aus der Originalhandschrift Vaticanus graecus 73
(ca. 9 000 Wörter). Bei der Handschrift handelt es sich um einen Palimpsest: der
Text der Excerpta wurde etwa im 14. Jahrhundert ausradiert
und mit einem anderen Text überschrieben, sodass der frühere Text heute nur mühsam
lesbar ist (s. Abbildung 1).
Die Standardlösung wäre es, das Faksimile der Handschrift zu publizieren und eine historisch-kritische Edition des Texts anzufertigen. Die Publikation von dermaßen beschädigten Seiten erwies sich jedoch als wenig ergiebig. Auch die traditionelle Art der Textgestaltung im Rahmen einer historisch-kritischen Edition war kaum für die Wiedergabe der
Excerpta geeignet. So bedurfte es beispielsweise einer originalgetreuen Reproduktion der Notizen und Piktogramme an den Rändern, die einen wichtigen Beitrag für das Verständnis des Textes leisten.

Die Art der Gestaltung der Excerpta war ausschlaggebend bei
der Entwicklung des Konzepts dieser Digitaledition. Es wurde eine pluralistische Herangehensweise an den Text zugrunde gelegt, die
gleichzeitig mehrere Ansichten (Wiedergabemöglichkeiten)
desselben Textes ermöglicht. Dabei wurden drei Grundansichten ausgewählt: (1) die
digitale Rekonstruktion der Handschrift (topographische
Edition), (2) die diplomatische Abschrift (diplomatische
Edition) sowie (3) die normalisierte, historisch-kritische Version des
Textes (digitale historisch-kritische Edition).

Topographische Edition: Die topographische Edition umfasst
die digitale Rekonstruktion des Originals und die zweidimensionale, detaillierte
Darstellung der Oberfläche. Das bedeutet, dass der ausradierte Text der
Handschrift, stark vergrößert, auf Touchscreen mit Stylus nachgemalt wird (s.
Abbildungen 1 und 2). Diese Methodik wurde hier m.W. zum ersten Mal angewendet
und wird daher im Poster vorgestellt. Sie kombiniert menschliches Expertenwissen
mit den aktuellen technischen Möglichkeiten.

Diplomatische Edition: Unter einer diplomatischen Edition
wird eine möglichst originalgetreue Abschrift einer Handschrift verstanden. In
dieser Ansicht wird die Gestaltung der Originalhandschrift, d. h. vor allem das
Layout und die Navigationselemente des ursprünglichen Texts, visualisiert (s.
Abbildung 2). Nach Möglichkeit wird die ursprüngliche Orthographie wiedergeben.
Hier ist auch die Option vorgesehen, innerhalb derselben Ansicht auf
normalisierte Orthographie umzuschalten (dies ermöglicht z. B. die Wahl zwischen
mittelalterlicher und moderner Zeichensetzung, zwischen der Schreibweise mit
Abbreviaturen oder mit deren Auflösung u. ä.)

Digitale historisch-kritische Edition: Diese Ansicht hat
das Layout einer modernen Edition, die Orthographie wird weitgehend
normalisiert. Außerdem wird unter dieser Ansicht als Option die Möglichkeit der
Hervorhebung unterschiedlicher Textinhalte angeboten, wie z. B. von Zitaten,
Orten, Personennamen, Völkerbezeichnungen usw. In diese Ansicht gehören ferner
der kritische Apparat sowie Indices mit Namen, Orten usw.

Technisch wird das folgenderweise implementiert. Die topographische Edition wird in Form von Bildern hergestellt. Die Transkription der Handschrift für die diplomatische und historisch-kritische Edition wird in TEI-XML angefertigt. Erscheinungen, die mit XML-Tags kodiert werden, werden in größere
Blöcke aufgeteilt. Die wichtigsten Blöcke sind:

Physischer Zustand der Handschrift und physische Struktur des
Texts: physische Schäden der Handschrift, Lesbarkeit des Textes,
Seiten- und Zeileneinteilung an den Stellen, wo sie nicht mit der logischen
Struktur des Texts in Verbindung stehen (s. u.);

Logische Struktur des Texts sowie alle Elemente des Layouts,
welche die Navigation im Text unterstützen: Einheiten wie Bände,
Kapitel, Exzerpte; Elemente der Gestaltung, die auf diese Einteilung verweisen
(z. B. größere Leerräume im Text); Piktogramme und Randnotizen;

Orthographie der Handschrift: originale Zeichensetzung, Akzentuierung, Abbreviaturen und Ligaturen;

Normalisierte Orthographie: moderne Zeichensetzung, Worttrennung (fehlt in der Handschrift), Groß- und Kleinschreibung nach modernen Normen.

Inhalte im Text: Zitate, Namen, Orte, Völker u. a.

Die Webdarstellung wird auf der Basis von XSLT erstellt. Für jede Ansicht wird einzeln modelliert, wie die einzelnen Blöcke der Tags transformiert werden sollen. So ist beispielsweise für das Layout der diplomatischen Edition der physische Zustand der Handschrift und die physische Struktur des Texts maßgebend, während für das Layout der historisch-kritischen Edition die logische Struktur des Texts entscheidend ist. Die endgültige Darstellung wird über Cascading Stylesheets (CSS) gestaltet. Es ist geplant, die Edition bis Mitte des Jahres 2016 online zu stellen.

Abb. 1: Der Prozess der graphischen Rekonstruktion des
Palimpsests

Abb. 2: Die topographische Edition

Abb. 3: Die diplomatische Edition

Abb. 4: Die historisch-kritische Edition

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In review

DHd - 2016
"Modellierung - Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma"

Hosted at Universität Leipzig

Leipzig, Germany

March 7, 2016 - March 11, 2016

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Conference website: http://dhd2016.de/

Contributors: Patrick Helling, Harald Lordick, R. Borges, & Scott Weingart.

Series: DHd (3)

Organizers: DHd