Ein Facebook der anderen Art: Digitalisierte Epigraphiken als Quelle der Kulturforschung

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Authorship
  1. 1. Oliver Streiter

    Staatliche Universität Kaohisung

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Gräber, Netzwerke und Kulturforschung
Friedhöfe, Friedhofssektionen, Grabmäler, Grabsteine, Inschriften, Wörter, Symbole, Motive und Formen bilden komplexe Strukturen durch die sich einzelne Personen, Familien, religiöse oder ethnische Gruppen in ihrer Zeit, in ihrem Raum, in ihrer sozialen Umwelt und in ihren metaphysischen Vorstellungen lokalisieren. Durch gemeinsame Referenzen, Ähnlichkeiten oder räumliche Nähe entstehen Netzwerke von Vorfahren, Kameraden, Kollegen, Namensvettern, Leidensgenossen, Mitgläubigern, Mittätern, Selbstmördern oder nur zufällig Zusammengelegten, die durch die Systematik ihrer Bestattungsform oder ihrer Grabinschriften einen Aufschluß über ihre Rolle in einer Zeit oder in einem geographischen oder sozialen Raum zulassen.
Die meisten dieser Netzwerke erzählen jeweils nur wenige Geschichten. Die große
Anzahl an möglichen Netzwerken, die Zugehörigkeit einer Person zu vielen
Netzwerken sowie der Vergleich ähnlicher Netzwerke aus verschiedenen Zeiten oder
Regionen ermöglichen jedoch vielschichtige Einblicke in vergangene Kulturen,
Lebensweisen oder Machtstrukturen. Darüber hinaus können diese Netzwerke auch im
Rahmen einer abstrakten Betrachtung der Entwicklung solcher sozialen Strukturen
herangezogen werden. Aspekte einer solchen theoretischen Betrachtungsweise sind
die Entstehung einer Tradition aus einer erfundenen Praxis, die Transformation
einer Tradition durch Migration (Goudin et. al. 2011), die Adaption einer
Tradition an neue politische oder soziale Kontexte oder die Konsolidierung von
Machtstrukturen durch die Neudefinierung von semantischen Feldern (Bourdieu
1979).

Feldforschung, Sozialer Kontext und Datensatz
Voraussetzungen für solche Forschungsarbeiten ist eine flächendeckende und diachronische Dokumentation von Sepulkralkulturen, die bewußt viele mögliche Gegensätze einschließt, wie zum Beispiel Heldenfriedhöfe, Gräber nationaler Eliten, Heidenfriedhöfe, Selbstmördergräber, Klosterfriedhöfe, Fabriksfriedhöfe, Friedhöfe in dörflichen und städtischen Gemeinden, anonyme Gräber, Grabstätten ethnischer, sprachlicher, religiöser oder andersartiger Minderheiten etc. Eine solche Dokumentation der Unterschiedlichkeit, der Macht, der Unterdrückung und des Vergessens hilft, nationalistische, nationale oder auch gut gemeinte Schulbuchgeschichtsschreibung zu hinterfragen: Wer waren diese Leute, wo kamen sie her und was haben sie gemacht und gedacht? Wie war ihre Stellung in der Gesellschaft und wie hat sich diese im Laufe der Zeit verändert?

Abb. 1: Auf Taiwan und den vorgelagerten
Penghu-Inseln dokumentierte Friedhöfe.

Dies ist der Forschungsansatz den wir seit 2007 in dem Projekt 'ThakBong' für Taiwan und seine umliegenden Inseln verfolgen. Die etwa 400-jährige Geschichte dieser Inseln ist geprägt von Migration und einer sich wiederholenden Abfolge von Kolonialherrschaften. Geschrieben wurden diese Geschichten aus der Sicht der jeweiligen Besatzer. Holländer, Spanier, Handel treibende Haudegen, Mandschuren, Japaner und Chinesen zwangen die Bevölkerung in ihre Kulturen, Religionen, Ideologien und Sprachen, wobei die „eigene“ Kultur meistens stark von der Kultur der vorhergehenden Besatzer geprägt war. Erst nach Aufhebung des Kriegsrechtes 1987 wurde es weiten Schichten der Bevölkerung möglich, aktiv ihre Identität außerhalb der Kultur der letzten Besatzer zu suchen. Dies führte zu einer Rückbesinnung auf Zeiten und Kulturen, die aus heutiger Sicht einen romantischen Rahmen für die moderne Daseinsform bieten. Diese Rückbesinnung reicht von einer vorgeschichtlichen, indigenen Basis, über eine an Japan angelegte Lebensform bis zur Identifizierung als Chinese. Diese unterschiedlichen Selbstbetrachtungen schließen sich nicht aus und können zeitgleich in einer Person oder einer Gruppe in unterschiedlichen Formen des Diskurs wiedergefunden werden.
In den acht Jahren des Projekts wurden in ca. 500 Tagen Feldforschung 700
Friedhöfe mit 59.000 Gräbern durch 212.000 digitale, georeferenzierte Fotos
dokumentiert. Fotos werden zu verschachtelten Modellen von Friedhöfen, Gräbern,
Grabsteinen und Inschriften in einer relationalen Datenbank zusammengeführt.
Diese Modelle werden dann durch Annotationen und Transkriptionen angereichert
und klassifiziert. Der daraus resultierende Datensatz wird allmonatlich
aktualisiert und der Forschung zur Verfügung gestellt. Begleitet werden diese
Daten von einer Batterie an Hilfsfunktionen, geschrieben in der
Programmiersprache R, die einen einfachen Zugriff auf Gräber einer speziellen
Region, einer speziellen Periode oder einer bestimmten Eigenschaft erleichtert.
Einfache Analysen und Grafiken können hiermit in Programmen erstellt werden, die
in der Regel zwischen fünf und zehn Zeilen umfassen (Streiter / Morris 2015).

Focus, Ortsnamen und Soziale Identität
Ein zentrales Element unserer Analyse von Inschriften ist der sogenannte Fokus. Der Fokus ist das Element der Inschrift, das durch seine Größe und seine Anordnung auf dem Grabstein hervorspringt und, semantisch betrachtet, nicht die Unterschiedlichkeit der Verstorbenen unterstreicht, sondern deren Einbettung in eine wirkliche oder imaginäre Gemeinschaft. Mögliche Realisierungen des Fokus sind ein Kreuz, eine arabische Sure, eine Swastika, ein Ortsname, ein politisches Symbol oder der Name einer politischen Ära.

Abb. 2: Ein Fokus mit einem Verweis auf die Ming
Dynastie (皇明) auf einem Grabstein auf den Penghu-Inseln von 1669,
während in China schon die Qing Dynastie herrscht.

Der Ortsname, der am häufigsten vorkommende Fokus, kann in drei
Untergruppen unterteilt werden. Dies sind a) lokale Ortsnamen, die auf einen Ort
auf Taiwan verweisen, b) Ortsnamen in China, 'Jiguan' genannt, die den
Ausgangspunkt einer Migration aus den südchinesischen Provinzen Guangdong and
Fujian benennen und c) Ortsnamen in Nordchina, genannt 'Tanghao', die auf die
historischen aber nicht unbedingt heute existierenden oder lokalisierbaren Orte
verweisen, in deren Zusammenhang ein chinesischer Familienname erstmals
schriftlich erwähnt wurde. Diese Kopplung von Familienname und Ortsnamen wurde
seit der Periode der südlichen Song im Buch der Einhundert Familiennamen
zusammengefaßt (Theobald 2011). Obwohl die meisten Familien im Prinzip auf jeden
dieser drei Typen zugreifen könnten, wird, geschichtlich und regional
betrachtet, jeweils einer dieser drei Ortsnamentypen bevorzugt (Streiter /
Goudin 2013, 2014 ).

Abb. 3: Die erste Seite des ältesten jemals
gefundenen Baijiaxing (百家姓), geschrieben um 1100. Es zeigt die
kanonisierte Beziehung zwischen Familiennamen, z. B. Zhao (趙), und deren
Tanghao, z. B. Tianshui (天水).

Alle drei Untergruppen könnten oberflächlich gesehen sehr leicht als Ausdruck einer Identität interpretiert werden. Der Taiwanische Ortsname stünde demnach für eine lokale Identität, die entweder aus der indigenen Geschichte Taiwans oder aus einer Abkehr von China zu erklären wäre. Das 'Jiguan' unterstrich die Verbundenheit mit Südchina, den gemeinsamen südchinesischen Sprachen und Gebräuchen und der Migration die hauptsächlich in der Qing Periode stattfand. Das 'Tanghao' verwiese, der gleichen Logik folgend, auf die Wiege der chinesischen Kultur in Nordchina.
Aber wie der Fall des 'Tanghao' zeigt, können ideologische Bestrebungen der
nationalistischen chinesischen Regierung in Taiwan die Präferenz für das Tanghao
besser erklären als es die zirkuläre Interpretation eines Identitätsausdrucks
vermag, denn durch das Tanghao verschmelzen die imaginären Ursprungsorte der
lokalen Bevölkerung, die über den Familiennamen identifiziert werden, mit den
Herkunftsregionen der Chinesen, die mit Chiang Kai-shek nach dem verlorenen
Bürgerkrieg 1949 als Besatzer nach Taiwan kamen. "Obwohl der Weg ein anderer
war, ist der Ursprung der gleiche." Dies ist ein Mantra, das bis heute von der
regierenden nationalistischen chinesischen Partei immer wieder in
unterschiedlichen Formen bemüht wird (Office of the President, Republic of China
2012).
Ebenso verschwand das 'Jiguan', die Referenz auf die Migration von Südchina, von den Grabsteinen Taiwans in dem Maße, wie die Kolonialmacht Japan bestrebt war, die Bürger Taiwans zu seinen Bürgern zu machen. Die Hoffnung, die lokale Bevölkerung an dem Krieg der Besatzer teilnehmen zu sehen, dürfte bei diesem Bestreben ebenso eine Rolle gespielt haben, wie wenige Jahre später, als eine Chinesische Identität lokale Taiwanesen motivieren sollte, China von der Kommunistischen Partei zurückzuerobern.

Abb. 4: Ortsnamentypen im Wandel: Taiwan unter
den Qing (bis 1895), unter dem Japanischen Kaiserreich (bis 1945) und
unter der Chinesischen Republik.

Paradigmen, Macht und Mediation
Ein Verständnis der Bedeutung der Ortsnamenwahl kann also nicht über eine
oberflächliche Kongruenz von Ausdrucksform und möglichen Inhalten ermittelt werden.
Vielmehr gilt es zu ermitteln, welche Ausdrucksformen überhaupt in welcher Zeit
und in welcher Region mit welchen syntaktischen Funktionen zur Verfügung standen
und welche Ausdrucksformen in welcher Weise den jeweiligen Besatzern
entgegenkamen.
Unsere Analysen unterstreichen in diesem Zusammenhang die Rolle von professionellen Steinmetzen, im Gegensatz zu handwerklich geschickten, aber semantisch ungeschulten Kräften, die, involviert in den Bau des Grabes, gleich die Beschaffung und Beschriftung des Grabsteins mit übernahmen. Die Professionalität, mit der dieser den Grabstein bearbeitete, läßt sich mathematisch einfach ermitteln, da, für das ungeübte Auge unsichtbar, der Grabstein in seiner Höhe, Breite und in der Anzahl der Schriftzeichen vom Fachmann durch glücksbringende Zahlen strukturiert wird, die durch Zufall vom Laien kaum reproduziert werden können. In unserer Analyse zeigen wir, wie die Inschriften der ungeschulten Handwerker, spontan und unsystematisch, selten zu einer langfristigen Entwicklung führten, während die Präferenzen der Steinmetze strategischen Entscheidungen im Rahmen der Traditionen einer Steinmetzschule unterlagen. Solche strategischen Entscheidungen wurden, wie unsere Analysen zeigen, zu Zeiten einer Krise getroffen, zum Beispiel bei der Eroberung durch ein anderes Regime, und wurden dann weitgehend beibehalten bis eine neue Krise zu neuen Entwicklungen führte.
Hierdurch ergibt sich eine Umkehrung der Beziehung von Ausdrucksform und Inhalt, zumindest in den Zeiten, im wesentlichen nach 1750 und in den urbanen Zentren, in denen der Einfluß von professionellen Steinmetzen nachgewiesen werden kann. Hier entwickelte sich die soziale Identität wahrscheinlich im Zusammenspiel mit einer historischen Interpretation der professionellen Inschriften. Aufgabe der Wissenschaft ist es, hier Elemente eines Diskurses in geographischer und zeitlicher Nähe nachzuweisen, die eine solche Annäherung von Inschriften und Identitäten ermöglichten. Es ist dieser integrierte Ansatz der Dokumentation und Analyse von Diskurs und materieller Kultur, die wir als Digitale Anthropologie bezeichnen.

Bibliographie

Bourdieu, Pierre (1979): La
distinction: Critique sociale du jugement (= Collection Le sens
Commun). Paris: Éditions de Minuit.

Goudin, Yoann / Streiter, Oliver / Huang, Chun (Jimmy) /
Mei-Fang, Lin Ann (2011): " Digital Anthropology and the Renewal
of Waishengren Studies: From Digitized Tombs to Identity Claims ", in: African and Asian Studies 15, 2: 21–45.

Office of the President, Republic of China (2012): Der Präsident besucht den “Miaoli Hakka Kulturpark” und
wohnt der “Nacht der Hakka Welthelden” bei [Übersetzung aus dem
Chinesischen] http://www.president.gov.tw/Default.aspx?tabid=131&itemid;=28020
[letzter Zugriff 15. Oktober 2015].

Streiter, Oliver / Goudin, Yoann (2013): "The Tanghao
on the Tombstones of Taiwan and Penghu: The Statal Recuperation of Tactics
for the Creation of a National Space", in: Oriental
Archive 81: 459-494.

Streiter, Oliver / Goudin, Yoann (2014): "Extracting
Family Genealogis from Taiwan’s Tombstones for a Study of Historical Chang e
s in Tombstone Inscriptions", in: International Journal of
Humanities and Arts Computing 8, 1: 49–83.

Streiter, Oliver / Morris, James X. (2015):
"Researching Taiwan’s Gravesites with ThakBong and R", in: PNC 2015 Annual Conference and Joint Meetings. Macau.

Theobald, Ulrich (2011): "Chinese Literature:
Baijiaxing 百家姓 'The Hundred Family Names'" in: CHINAKNOWLEDGE. A universal guide for China studies http://www.chinaknowledge.de/Literature/Classics/baijiaxing.html
[letzter Zugriff 15. Oktober 2015].

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In review

DHd - 2016
"Modellierung - Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma"

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Leipzig, Germany

March 7, 2016 - March 11, 2016

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Contributors: Patrick Helling, Harald Lordick, R. Borges, & Scott Weingart.

Series: DHd (3)

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