Alternative Gattungstheorien: Das Prototypenmodell am Beispiel hispanoamerikanischer Romane

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Authorship
  1. 1. Ulrike Henny-Krahmer

    Julius-Maximilians Universität Würzburg

  2. 2. Katrin Betz

    Julius-Maximilians Universität Würzburg

  3. 3. Daniel Schlör

    Julius-Maximilians Universität Würzburg

  4. 4. Andreas Hotho

    Julius-Maximilians Universität Würzburg

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Einleitung
Die Definition von Gattungen sowohl im Sinne allgemeiner Gattungskonzepte als auch konkreter einzelner Gattungen ist ein altes und nach wie vor zentrales Problem der Literaturwissenschaft und wird immer noch debattiert (Kayser 1956: 330-387, Zymner 2003). Allgemein können Gattungsbegriffe als Sammelbegriffe verstanden werden, deren Aufgabe es ist, zu beschreiben, in welcher Hinsicht Texte zu Textgruppen zusammengefasst werden können. Oft ist dabei auf das Konzept von Gattungen als logischen Klassen zurückgegriffen worden, auch in vielen Untersuchungen zu literarischen Gattungen im Bereich der Digital Humanities, obwohl in der literaturwissenschaftlichen Gattungstheorie bereits seit den 60er-Jahren andere Vorschläge für das Verständnis von Gattungskategorien gemacht worden sind.
Im Sinne der “Kritik der digitalen Vernunft” ist das Ziel dieses Beitrags, die Problematik der Gattungsbeschreibung auf der theoretischen Basis alternativer Gattungstheorien und mit Hilfe informatischer Mittel aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Dazu wird exemplarisch die Anwendbarkeit des Prototypenmodells als Gattungskonzept für digitale gattungsstilistische Studien überprüft. Als Testkorpus dient eine Sammlung von Texten aus der hispanoamerikanischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts.

Forschungsstand und Ziele
Viele Gattungstheorien beruhen auf der Grundannahme, dass sich konkrete Texte anhand von hinreichenden und notwendigen Attributen eindeutig disjunkten Klassen zuordnen lassen und oft auch, dass sich für Gattungen eine Taxonomie entwickeln lässt (vgl. Zymner 2003: 102-104). Allerdings weisen nicht alle Texte einer bestimmten Gattung gemeinsame Merkmale auf, noch sind die Beziehungen zwischen den einzelnen Gattungen und Texten statisch. Zudem gibt es die Vorstellung von Werken, die initiale, prägende Wirkung haben (z. B.
Waverley von Walter Scott für den historischen Roman) oder besonders gute Vertreter einer Gattung sind (z. B. Goethes
Wilhelm Meisters Lehrjahre). Es kann dann andere Vertreter geben, bei denen die für die Gattung als prototypisch angesehenen Merkmale nicht so stark ausgeprägt sind, die aber trotzdem der entsprechenden Textgruppe zuzuordnen sind. Kritik am Klassenkonzept äußert schon Vivas (1968), später u. a. Hempfer (2010). Neuere Gattungstheorien haben daher u. a. Wittgensteins Konzept der Familienähnlichkeit (Weitz 1956, Fowler 1982, Fishelov 1991) und die in der Kognitionspsychologie entwickelte Prototypentheorie (Rosch 1973) als alternative Modelle der Kategorisierung aufgegriffen.

In den Digital Humanities gibt es bereits einige Untersuchungen zu literarischen Gattungen, bei denen jedoch üblicherweise die Annahme zugrunde liegt, dass Gattungen als Klassen im logischen Sinn zu verstehen sind (Calvo Tello et al. 2017, Hettinger el al. 2016a, Hettinger et al. 2016b, Schöch et al. 2016, Schöch 2015, Schöch 2013).

Im vorliegenden Beitrag wird exemplarisch dargestellt, inwiefern es möglich ist, das Prototypenmodell zu verwenden, um Einsichten in die Anordnung maschinell gruppierter Texte zu gewinnen, die über den klassischen Ansatz der Klassifikation nicht möglich wären. Der Beitrag leistet damit zum einen, einen konkreten Vorschlag für die Formalisierung des Prototypen-Ansatzes für gattungsstilistische Untersuchungen zu machen. Zum anderen zielt er darauf, durch die Berücksichtigung der internen Strukturierung von Gattungskategorien eine bessere Anbindung der computergestützten Verfahren an literaturgeschichtliche Forschungsergebnisse zu ermöglichen.

Fallbeispiel: Untergattungen des hispanoamerikanischen Romans im 19. Jahrhundert

Korpus. Die Analyse wurde an 80 hispanoamerikanischen Romanen von 51 AutorInnen getestet, welche fünf verschiedenen Untergattungen zugeordnet sind: dem historischen Roman, dem Liebesroman, dem kostumbristischen Roman, dem Gaucho-Roman und dem Antisklaverei-Roman. Der historische Roman, der Liebesroman und der kostumbristische Roman sind im Hispanoamerika des 19. Jahrhunderts verbreitete Untergattungen (Janik 2008: 60-77) mit europäischen Vorläufern und Vorbildern. Der Gaucho-Roman und der Antisklaverei-Roman sind Romantypen, die in Hispanoamerika entstanden sind und nur in bestimmten Regionen vorkommen. Für alle fünf Untergattungen wird angenommen, dass sie vor allem auf einer inhaltlichen Ebene definiert sind (Álamo Felices 2011, Lichtblau 1959: 121-135, Rivas 1990).

Für die Zuordnung der Romane zu den verschiedenen Untergattungen wurde einschlägige Sekundärliteratur ausgewertet. Abb. 1 und 2 zeigen die Verteilung der Romane über die Zeit nach Untergattungen sowie nach Ländern. Bestandteil des Korpus sind neben hispanoamerikanischen Romanen auch fünf Texte aus Spanien sowie je ein Text aus England und Frankreich (in spanischer Übersetzung), welche aufgrund ihres Prototypen-Status einbezogen wurden. Das Korpus umfasst insgesamt 2,3 Mio. Token.

Abbildung 1: Verteilung der Romane über die Jahrzehnte und nach Untergattungen

Abbildung 2: Verteilung der Romane über die Jahrzehnte und nach Ländern

Definition von Prototypen. Für jede der fünf Untergattungen wurde mindestens ein zur Untergattung gehörender Roman als Prototyp festgelegt.
Es wird zunächst also nicht die Idee vom Prototypen als dem durchschnittlichen Vertreter einer Kategorie verfolgt, sondern der Ansatz, dass ein oder mehrere bestimmte Exemplare einen besonderen, prototypischen Status haben. Ob ein Text eine Vorbild- oder Höhepunkt-Funktion innerhalb einer bestimmten Gattung hat, ist letztlich eine Frage der Perspektive und der Korpuszusammenstellung. Folgende Prototypen sind für die fünf Untergattungen gesetzt worden, wobei es für den kostumbristischen Roman eine ganze Reihe in Frage kommender Prototypen gibt:

Tabelle 1: Untergattungen und die für sie gesetzten Prototypen

Untergattung
Prototyp(en)
Art

Historischer Roman

Waverley o hace sesenta años (Walter Scott, 1814)

Vorbild

Liebesroman

Julia o la nueva Eloísa (Jean-Jacques Rousseau, 1761)

Vorbild

Kostumbristischer Roman

El Periquillo Sarniento (José Joaquín Fernández de Lizardi, 1816)
Don Catrín de la Fachenda (Lizardi, 1818)
Noches tristes y día alegre (Lizardi, 1818)
La gaviota (Fernán Caballero, 1849)
El sombrero de tres picos (Pedro Antonio de Alarcón, 1874)
Pepita Jiménez (Juan Valera, 1874)
Sotileza (José María de Pereda, 1884)
Peñas arriba (Pereda, 1895)

Vorbilder

Gaucho-Roman

Juan Moreira (Eduardo Gutiérrez, 1880)

Höhepunkt

Antisklaverei-Roman

Sab (Gertrudis Gómez de Avellaneda, 1841)

Höhepunkt

Beim historischen Roman und beim Liebesroman handelt es sich bei den Prototyp-Texten um Übersetzungen der ursprünglich auf englisch und französisch verfassten Romane, die auch in Hispanoamerika als Vorbilder für diese Romantypen eingeschätzt werden. Kontroverser wird diskutiert, welche Texte Einfluss auf die kostumbristischen Romane ausgeübt haben. Auf der einen Seite wird der mexikanische Autor Lizardi als Pionier genannt, auf der anderen Seite werden Romane spanischer Autoren (Caballero, Alarcón, Valera, Pereda) angeführt (Calderón 2005). Eine Prototypenanalyse könnte hier Argumente für eine der beiden Thesen liefern. Im Falle des Gaucho-Romans und des Antisklaverei-Romans sind die gesetzten Prototypen als Höhepunkte der jeweiligen Gattung zu verstehen, da die weiteren diesen Untergattungen zugeordneten Romane im Korpus entweder als Vorstufen oder Nachfolger der besonders repräsentativen Gattungsvertreter beschrieben worden sind (Lichtblau 1959: 121-135, Rivas 1990).

Methoden. Um die für die Untergattungen relevanten Strukturen auf unterschiedlichen textlichen Ebenen zu analysieren und zu modellieren, wurden Topic Modelling und eine Analyse der häufigsten Wörter (MFW) angewandt.

Das Topic Modeling (vgl. Blei 2012) wurde mit MALLET mit für das Korpus geeigneten Vorverarbeitungsschritten und Parametern durchgeführt (Lemmatisierung, Beschränkung auf Substantive, Segmentlänge von 1000 Wörtern, 30 Topics, 5000 Iterationen, Optimierung alle 10 Iterationen) und die Ergebnisse anschließend für die einzelnen Romane wieder aggregiert. Abb. 3 zeigt ein Beispiel-Topic aus dem entstandenen Modell:

Abbildung 3: Beispiel-Topic: carta-alma-corazón (Brief-Seele-Herz)

Im Ergebnis erhält man für jedes Topic in jedem Roman einen bestimmten Wahrscheinlichkeitswert; ein Roman ist durch die Reihe seiner einzelnen Topic-Wahrscheinlichkeiten repräsentiert. Anschließend sind die Ähnlichkeiten zwischen den Topic-Verteilungen der Romane mit der Kosinus-Ähnlichkeit berechnet worden.
Darauf aufbauend konnten die Ähnlichkeiten aller Romane untereinander ermittelt werden, so auch zwischen einzelnen Vertretern einer Roman-Untergattung und den jeweiligen Prototypen.

Die zweite Dokument-Repräsentation wurde auf Basis der 10.000 häufigsten Wörter (MFW) in den Roman-Volltexten erstellt (nicht lemmatisiert, gewichtet mit TF-IDF, maximale Dokument-Frequenz von 90 %). Anhand dieser beiden Repräsentationen kann überprüft werden, welche Merkmale zentral für die Abbildung von Gattungsunterschieden zwischen den Texten sind.

Ergebnisse und Diskussion. Die auf der Grundlage der Topics und MFW ermittelten Ähnlichkeiten zwischen den Texten wurden hinsichtlich der Beziehungen der Romane zu ihren jeweiligen Prototypen ausgewertet. Abb. 4 zeigt beispielsweise die Abstände der einzelnen Gaucho-Romane zum Prototypen “Juan Moreira” von Eduardo Gutiérrez, auf der linken Seite die Topic-Ähnlichkeiten und auf der rechten Seite die MFW-Ähnlichkeiten. Insgesamt fällt auf, dass die Vorläufer und Nachfolger dem Prototypen hinsichtlich der Topics ähnlicher sind als in Bezug auf die MFW, der Gaucho-Roman also mehr durch gemeinsame Themen als (im weitesten Sinne) stilistische Eigenschaften zusammengehalten wird. In beiden Fällen sind die Abstände zum Prototypen jedoch relativ groß. Wir führen das darauf zurück, dass die Beschreibung der Gattung durch Lichtblau vor allem eine seiner Entwicklung ist: in den Vorläufern (“La familia de Sconner”, “Amalia”) kommt der Gaucho als Typ nur beiläufig bzw. nur in kurzen Passagen überhaupt vor. Bei den Topic-Ähnlichkeiten ist der späteste Gaucho-Roman im Korpus, “Arturo Sierra” von Julio Llanos, dem Prototypen am nächsten. Laut Lichtblau ist dies ein sentimentaler Sensations-Roman, in dem der Gaucho nur noch eine oberflächliche Rolle spielt (Lichtblau 1959: 134f). Dies zeigt, dass Oberflächenphänomene mit unserem Verfahren gut erfasst werden, die Texteigenschaften aber nicht in allen Fällen hinreichend sind, um die Gattungszugehörigkeit zu klären.

Abbildung 4: Ähnlichkeiten der dem Gaucho-Roman zuzuordnenden Texte zum Prototypen (“Juan Moreira”, 1880); links Topics, rechts MFW

Der Boxplot in Abb. 5 zeigt über mehrere Untergattungen hinweg (hier: Liebesroman, Historischer Roman, Antisklaverei-Roman und Gaucho-Roman), wie ähnlich die Texte ihrem Prototypen im Durchschnitt sind und wie weit die Ähnlichkeiten der Romane zum Prototypen streuen (PT). Zusätzlich werden die durchschnittliche Ähnlichkeit und deren Varianz mit der durchschnittlichen Topic-Verteilung innerhalb der Untergattung verglichen und dargestellt (AVG). Damit soll einerseits die Ähnlichkeit der Romane zum Prototypen im Sinne eines besonderen, repräsentativen Romans derselben Untergattung und andererseits ihre Ähnlichkeit zu einem durchschnittlichen (hier fiktiven, berechneten) Text gezeigt werden. Die Liebesromane sind im Vergleich der verschiedenen Untergattungen ihrem Prototypen am unähnlichsten, möglicherweise, weil der Prototyp eine Übersetzung eines französischen Briefromans aus dem 18. Jahrhundert ist. Die hispanoamerikanischen Liebesromane des 19. Jahrhunderts sind in ihrer Topic-Struktur untereinander dagegen sehr ähnlich. Auch die historischen Romane und die Gaucho-Romane sind sich untereinander ähnlicher als ihren gesetzten Prototypen. Die in der Literaturgeschichte traditionell angenommenen Prototypen von literarischen Gattungen sind also in vielen Fällen eher Ausnahme-Romane denn typische Vertreter ihrer Art.

Abbildung 5: Topic-Ähnlichkeiten der Romane verschiedener Untergattungen zu ihren Prototypen (PT) sowie zur durchschnittlichen Topic-Verteilung innerhalb der Untergattung (AVG)

Um der umstrittenen Frage nachzugehen, welcher Prototyp aus der Liste der benannten Romane für die hispanoamerikanischen kostumbristischen Romane anzusetzen ist, sind in Abb. 6 die MFW-Distanzen zu den verschiedenen als Prototypen in Frage kommenden Romanen visualisiert. Die Ähnlichkeit ist zu dem Roman “El Periquillo Sarniento” des Mexikaners Lizardi am größten, gefolgt von dem ebenfalls von ihm verfassten Werk “Don Catrin de la Fachenda”. Das dritte Werk von Lizardi “Noches tristes y día alegre” ist den kostumbristischen Romanen zwar durchschnittlich unähnlicher, allerdings handelt es sich dabei um einen Roman in Dialogform. Die MFW als Merkmale stützen also eher die These der mexikanischen Vorbilder. Zieht man die Topics als Merkmale heran, rücken die spanischen Romane dem Prototypen etwas näher (vgl. Abb. 7). Die verschiedenen Positionen können auf unterschiedliche Texteigenschaften zurückgeführt werden (eher stilistisch vs. thematisch), so dass anzunehmen ist, dass die Vertreter der beiden Thesen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte bei den Gattungsdefinitionen angesetzt haben. Es kann also an dieser Stelle die Kontroverse um die “wahren Prototypen” bestätigt und datengetrieben differenzierter betrachtet werden.

Abbildung 6: MFW-Ähnlichkeiten der kostumbristischen Romane zu möglichen Prototypen, mexikanische (rot) vs. spanische Romane (blau)

Abbildung 7: Topic-Ähnlichkeiten der kostumbristischen Romane zu möglichen Prototypen, mexikanische (rot) vs. spanische Romane (blau)

Für das Gesamtkorpus zeigen Abb. 8 (Topics) und 9 (MFW) die Ähnlichkeitsverhältnisse aller 80 Romane, wobei hohe Ähnlichkeit in rot dargestellt ist. Bei den Topics wird sichtbar, dass die Liebesromane (rechts oben) untereinander sehr ähnlich sind. Auch die Gaucho- (Mitte rechts) und Antisklaverei-Romane (unten links) sind als Blöcke in der Heatmap gut zu erkennen. Hinsichtlich ihrer Topic-Verteilungen weniger homogen sind die historischen Romane und die kostumbristischen Romane. Ähnlichkeiten in den Topic-Verteilungen sind außerdem nicht nur innerhalb einzelner Untergattungen vorhanden, sondern auch zwischen den Liebesromanen und anderen Untergattungen, insbesondere den Gaucho-Romanen und den Antisklaverei-Romanen. Die in den Liebesromanen zentralen Topics sind also auch in anderen Gattungen relevant, was auf Mischtypen hindeutet und beispielsweise bei einer Klassifikation auf der Basis von Topics berücksichtigt werden sollte.

Abbildung 8: Heatmap mit Topic-Ähnlichkeiten aller Romane untereinander, Prototypen sind heller gefärbt

Abbildung 9: Heatmap mit Ähnlichkeiten der 10.000 MFW aller Romane untereinander

Die Heatmap auf der Grundlage der 10.000 MFW zeigt eine größere Homogenität für die kostumbristischen und historischen Romane, während die Antisklaverei-, Gaucho- und Liebesromane hier weniger Nähe zueinander aufweisen. Auch die historischen und kostumbristischen Romane untereinander weisen größere Ähnlichkeiten hinsichtlich ihrer MFW auf. Möglicherweise sind bei beiden Untergattungen spezifisches Vokabular oder stilistische Aspekte für die Gattungszugehörigkeit wichtiger. Besonders für die kostumbristischen Romane, in denen bei der Beschreibung regionaler und lokaler Gegebenheiten auch die Nachahmung von Dialekten und Umgangssprache eine Rolle spielt, ist diese Erklärung schlüssig. In einem auf Substantive beschränkten und lemmatisierten Korpus, wie es in das Topic-Modeling eingegangen ist, können solche Besonderheiten nicht aufgefangen werden.

Fazit und Ausblick
Die exemplarische Anwendung des Prototypenmodells auf die hispanoamerikanischen Romane verschiedener Untergattungen hat gezeigt, dass Ansätze zur Modellierung literarischer Gattungen, die über das Prinzip logischer Klassen hinausgehen, informatisch umgesetzt werden können. Fragen wie diejenige nach der Prototypizität einzelner Texte, Gattungsmischungen und nach differenzierten Nähe- und Distanzverhältnissen lassen sich erst auf dieser Grundlage angehen. Literaturgeschichtliche Aussagen zu Gattungszugehörigkeiten und Gattungsentwicklungen mit prototypensemantischem Bezug (wie hier die Entwicklung des Gaucho-Romans oder die Frage nach den die hispanoamerikanische Tradition prägenden kostumbristischen Romanen) können so hinsichtlich relevanter Textmerkmale genauer untersucht werden.
Künftig sollen weitere theoretische Gattungsmodelle, insbesondere das Prinzip der Familienähnlichkeit, auf ihre Anwendbarkeit für gattungstilitische Untersuchungen hin getestet werden. Außerdem soll geprüft werden, welche Ergebnisse andere Textrepräsentationen als Topic-Modelle und MFW liefern, z.B. Word Embeddings. Zu diskutieren bleibt, wie offene Kategorisierungsmodelle evaluiert werden können.

Kürzlich stellte jedoch Underwood bei einem Vortrag im Rahmen des DARIAH-Expertenworkshops “Distant Reading in Literary Texts” einen Ansatz für den Umgang mit wechselnden Perspektiven auf das Konzept von Gattung über die Zeit vor. Van Dalen-Oskam betonte die Bedeutung von LeserInnen-Meinungen bei Gattungszuordnungen, im Zusammenspiel mit formalen Merkmalen, vgl. Hagen et al. 2017.
Die Metadaten zum verwendeten Korpus und weitere Analysedaten sind unter
[letzter Zugriff 13. Januar 2018] verfügbar. Die Auswahl der Texte geht auf ein größeres Korpus hispanoamerikanischer Romane und eine digitale Bibliographie zurück, welche im Projekt CLiGS erstellt wurden:
[letzter Zugriff 13. Januar 2018] und
http://bibacme.cligs.digital-humanities.de[letzter Zugriff 13. Januar 2018]. Es wurden sämtliche verfügbaren Romane einbezogen, die den untersuchten Untergattungen zugeordnet werden konnten.

Wie die Gattungszuordnung ist auch die Entscheidung für die Prototypen auf der Grundlage der Auswertung von Sekundärliteratur getroffen worden (welche Texte werden häufig als prototypisch genannt?) und hat den Status einer Arbeitshypothese.


Waverley, or, ’Tis Sixty Years Since”. Übersetzung aus dem Englischen von Francisco Gutiérrez-Brito und Isidoro López Lapuya, o.J.


Julie ou la Nouvelle Héloïse”. Übersetzung aus dem Französischen von José Mor de Fuentes aus dem Jahr 1836.

[letzter Zugriff 13. Januar 2018].

Im Ergebnis liegen die Werte zwischen 0 (keine Ähnlichkeit) und 1 (maximale Ähnlichkeit).

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