Barcamp: Digitales Publizieren zwischen Experiment und Etablierung

workshop / tutorial
Authorship
  1. 1. Timo Steyer

    Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel; Deutsches Literaturarchiv Marbach

  2. 2. Katrin Neumann

    Max Weber Stiftung

  3. 3. Melanie Seltmann

    Technische Universität Wien

  4. 4. Scholger Walter

    Karl-Franzens-Universität Graz

Work text
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Einleitung: Digitales Publizieren in den Geisteswissenschaften

Mit der zunehmend selbstverständlichen Nutzung digitaler Ressourcen und der Etablierung der Digital Humanities rückt auch die Frage nach Formen des digitalen Publizierens in der Wissenschaft ins Blickfeld: Während zunehmend digitale Methoden der Erfassung, Erschließung und Analyse zur Anwendung kommen, bleiben jedoch die Publikationswege häufig noch traditionell und analog geprägt. Dabei bieten digitale Veröffentlichungsformen Potenziale für offene und innovative wissenschaftliche Erkenntnisprozesse sowie eine direktere Wissenschaftskommunikation. Die zunehmende Etablierung von (Open)-Peer-Review-Verfahren wirkt gegen das Vorurteil der vermeintlich geringeren Qualität von digitalen Publikationen; auch wissen die Wissenschaftlerinnen die freie und mobile Verfügbarkeit von digitalen Publikationen zunehmend zu schätzen.

Die sich im Wandel befindenden medialen Bedingungen wirken direkt auf die Akteurinnen im (digitalen) Publikationsprozess ein (DHd-Arbeitsgruppe 2016). Die Rolle und das Zusammenspiel von Urheberinnen, Autorinnen, Verlag und Rezipientinnen werden daher grundlegend in Frage gestellt (Fitzpatrick 2011: 50). Gleichfalls unterliegt die wissenschaftliche Publikation selbst einem Prozess der Neudefinition: Traditionelle Formen wie Monographie oder Zeitschriftenartikel verlieren ihren Ausschließlichkeitsanspruch, da zunehmend digitale Präsentationsformen im wissenschaftlichen Diskurs als vollwertige wissenschaftliche Publikationen angesehen werden (Kohle 2017: 199). Digitale Publikationen interagieren weit mehr als ihre analogen Vorbilder mit anderen mediale Formen, sei es durch die Einbettung von multimedialen Inhalten (Maciocci 2017), Social Media und Forschungsdaten oder durch Verweise auf andere online verfügbaren Ressourcen im Sinne von Linked Open Data (W3C 2017). Die Integration von crossmedialen Inhalten ist technisch bereits möglich, es fehlen allerdings noch Anwendungskonzepte und Best Practice Beispiele.

Die oftmals ungefilterte Offenheit digitaler Medien wirft jedoch auch kritische Fragen der Qualitätssicherung auf, da nicht alle aus dem Kontext der gedruckten Publikation gewohnte Mechanismen greifen (Herb 2012). Dennoch sind Vorteile und Mehrwert des Digitalen evident: Digitale Texte sind leicht aufzufinden, durchsuchbar und im Idealfall schrankenlos kopierbar. Sie begünstigen damit die breite Distribution und Rezeption sowie die Nachnutzung durch digitale (z B. analytische) Verfahren. Anders als im Druck erschienene Publikationen können digitale Publikationen fortgeschrieben werden, ohne ihre Referenzierbarkeit verlieren zu müssen (durch Versionierung). Sie lassen sich mit anderen Texten verknüpfen (Hypertext) und können auf der Basis geeigneter Vokabulare bzw. Ontologien in eine maschinell auswertbare semantische Beziehung mit anderen Dokumenten und Gegenständen treten (Semantic Web). Die bei digitalen Dokumenten favorisierte Trennung von Struktur- und Layoutschicht ermöglicht es, Texte nicht mehr einem starren Präsentationsregime zu unterwerfen, sondern nach Wünschen der BenutzerInnen neue Ansichten oder überhaupt Präsentationsformen jenseits traditioneller Textbegriffe zu generieren. Die kollaborative Text- und Datenpublikation wird im digitalen Raum begünstigt, zieht aber auch Probleme bezüglich der Autorinnenschaft und der Differenzierung der Rollen im digitalen Publikationsprozess nach sich (SoSciSo Redaktion: 2017). Abschließend gilt es, die Schlüsselfunktion von Open Access (OA) und freien Lizenzmodellen (z.B. nach Creative Commons) in digitalen Publikationsprozessen zu betonen: Sie schaffen die Voraussetzungen für ungehindertes Forschen und werden damit zu zentralen Bedingungen wissenschaftlichen Publizierens.

Veranstaltungsformat Barcamp

Mit dem Format eines halbtägigen Barcamps möchte die DHd-AG »Digitales Publizieren« der interessierten Community die Möglichkeit bieten, die soeben skizzierten Themen und Fragen, aber auch andere Aspekte rund um das digitale Publizieren gemeinsam zu diskutieren und sich dazu auszutauschen (Dogunke 2018). Das Format bedingt, dass das Programm maßgeblich von den Teilnehmerinnen gestaltet wird und sowohl dynamisch als auch interaktiv entwickelt werden kann. Das Barcamp möchte Expertinnen und interessierte Wissenschaftlerinnen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenbringen und wird ausreichend Raum bieten, sich in ausgewählte Bereiche der Thematik zu vertiefen, aber auch grundlegende Fragen zu thematisieren. Ziel ist es, gleichermaßen die Ansprüche einer Informationsveranstaltung mit impulsgebenden Statements zu kombinieren.

Es bestehen zwei Möglichkeiten, Themen für die Veranstaltung zu benennen: Zum einen wird im Vorfeld der Tagung DHd2019 eine Umfrage über den DHd-Blog, Twitter und Mailinglisten stattfinden. Hier entscheidet die Quantität der Nennung einzelner Themen über ihre Annahme. Ähnlich gelagerte Themen werden dabei zusammengefasst bzw. gruppiert. Am Barcamp Interessierte haben dabei auch die Möglichkeit, eine Gestaltungsform für den genannten Vorschlag zu nennen und ihre Rolle zu definieren (s.u.). Spontan können zum anderen aber auch Themen direkt innerhalb des Workshops platziert werden. Die endgültige Tagungsordnung für das Barcamp wird gemeinsam mit dem Plenum zu Beginn des Workshops festgelegt. Die DHd-AG »Digitales Publizieren« möchte die Ergebnisses des Barcamps erstens zur Überarbeitung des Arbeitspapieres »Digitales Publizieren« nutzen und damit einen Beitrag zur Klärung des aktuellen Selbstverständnisses in der Gemeinschaft leisten. Zweitens soll die Veranstaltung der weiteren Vernetzung der Interessierten innerhalb der Community dienen. Drittens soll aber auch das gewählte Format auf seine Eignung geprüft werden, die Kommunikation zwischen der AG und der Community aktiver zu gestalten, woraus sich bei positivem Befund auch weitere Veranstaltungen ergeben könnten.

Potentielle Themen und Fragen

Um eine Vorstellung von potentiellen Themen und der inhaltlichen Gestaltung der Veranstaltung zu bekommen, seien im Folgenden einige Aspekte und zentrale Fragen zum digitalen Publizieren genannt, welche die Verfasserinnen der Einreichung auf der Grundlage eigener Erfahrung und der aktuellen Forschung im Rahmen der AG Digitales Publizieren identifiziert haben:

Aktuelle und zukünftige Publikationsformate: Welche Rolle wird PDF als Publikationsformat in Zukunft haben? Werden Beiträge direkt in XML verfasst werden können?

Data Publications als Publikationsformat
: Wie und in welcher Form können (Forschungs)daten publiziert werden? Welche Formate existieren bereits und gibt es Best Practice Beispiele? Wie können Datenpublikationen als wissenschaftliches Publikationsformat etabliert werden?

(darauf aufbauend):
Was zählt eigentlich als digitale Publikation und welche Abgrenzungen zu anderen Publikationsformen sind notwendig?
Welche technischen und inhaltlichen Kriterien müssen beispielsweise Blogbeiträge erfüllen, um als wissenschaftliche Publikation zu gelten?

Kollaboratives Schreiben
: Wie kann die Rolle der beteiligten Personen kenntlich gemacht werden und welche Rolle gibt es außer der der Autorinnen bei einer Publikation?

Infrastrukturen für digitale Publikationen
: Welche Repositorien und Publikationsumgebungen existieren und sind für Forscherinnen im deutschsprachigen Raum zugänglich? Welche Standards haben sich etabliert?

Wie kann die Qualität von digitalen Publikationen gemessen werden?
Welche Bedeutung könnte der Impactfaktor in Zukunft haben? Wie kann die Zitationshäufigkeit von digitalen Publikationsformen gesteigert werden?

Welche Bedeutung kommt dem traditionellen Intermediären im digitalen Publikationszyklus zu
? Sind Bibliotheken die neuen Verlage? Ist das hybride Publizieren nur eine Übergangserscheinung oder ein langfristiges Erfolgsmodell?

Wie ist der aktuelle Stand bei den Lizenzen und Rechten im Kontext vom digitalen Publizieren?
Wie stark hat sich Open Access wirklich durchgesetzt?

Bedarf es genuiner Gutachterkulturen für digitale Publikationen?
Wie gestalten sich digitale Publikationsworkflows?
Hat beim digitalen Publizieren die wissenschaftliche Kommunikation einen direkteren Einfluss auf die Publikation?

Warum hat sich bisher trotz der stetig wachsenden Bedeutung von Forschungsdaten das Modell der
enhanced publication
noch nicht durchgesetzt und welche Chancen bestehen für dieses Format (Degwitz 2015: 52)?

Welche Rolle kommt im Sinne des Titels der
Tagung cross- bzw. intermedialen Inhalten
bei digitalen Publikationen zu
?

Durchführung

Wer ein Thema vorschlägt, hat gleichzeitig die Möglichkeit, auch ein Durchführungsformat zu wählen. Die unterschiedlichen Formate werden mit der Umfrage zusammen vorgeschlagen. Der Grund für diese flexible und Teilnehmerinnen-gesteuerte Auswahl des Barcamps ist es, dass einige der oben genannten Themen sich eher für ein Expertengespräch eignen, während andere eher in einer gemeinsamen Diskussion thematisiert werden könnten oder Gegenstand eines Impulsreferats sein könnten. Es soll daher weder bei den Inhalten noch bei den Formaten fest Vorgaben geben.

Die ein Thema vorschlagenden Personen können selber angeben, ob sie a) sich für das Thema grundsätzlich interessieren oder sich b) als ExpertIn für das Thema im Rahmen des Workshops zur Verfügung stellen. Zusätzlich werden die Organisatorinnen im Vorfeld des Workshops Expertinnen zu den einzelnen Themen einladen, bzw. Themen als gemeinsame Diskussionen mit dem Plenum planen und vorbereiten. Die Moderation und Durchführung der Veranstaltung wird von Mitgliedern der AG bedient.  

Folgende Formate von circa jeweils 30 Minuten Dauer sind denkbar:

Expertinnenformat: Eine Expertin bzw. ein Experte hält ein impulsgebendes Referat, danach findet eine moderierte Diskussion statt.

Thementische (abhängig vom Raum): Es gibt unterschiedliche Thementische, an denen Expertinnen Rede und Antwort stehen.
Diskussionen: Mehrere Expertinnen diskutieren zu einem Thema, danach folgt eine Diskussion mit dem Plenum.
Gruppenformat: Kleinere Gruppen diskutieren gemeinsam ausgewählte Themen und präsentieren die Ergebnisse danach dem Plenum.

Vor allem der letzte Punkt scheint für das Tagungsformat gut geeignet zu sein, da dadurch alle Beteiligten involviert werden. Für die Durchführung dieser unterschiedlichen Formate wäre ein gut unterteilbarer Raum ebenso sinnvoll wie der Einsatz von Moderationsmaterialen (Flipcharts etc.). Eine laufende Dokumentation der Ergebnisse des Barcamps wird während des Workshops über ein Etherpad erfolgen. Des Weiteren sollen zentrale Ergebnisse in die neue Version des Workingspapers “Digitales Publizieren” integriert werden.Abhängig vom Verlauf des Barcamps können weitere Formate, wie z. B. ein Blogbeitrag, möglich sein.

Organisatorisches
Das Barcamp wird von der DHd-AG Digitales Publizieren veranstaltet. Die Planung und Durchführung wird organisiert von:
Katrin Neumann, (Max-Weber-Stiftung),

neumann@maxweberstiftung.de, Forschungsinteressen:
Digitales Publizieren, Publikationsplattformen, Wissenschaftliches Bloggen
Melanie Seltmann, (Universität Wien),

melanie.seltmann@univie.ac.at, Forschungsinteressen:
Digitales Publizieren, Natural Language Processing, Citizen Science
Walter Scholger, (Universität Graz),

walter.scholger@uni-graz.at, Forschungsinteressen:
Digitales Publizieren, Digitale Editionen, Open Access und Lizenzen
Timo Steyer, (Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel/Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel),

steyer@hab.de, Forschungsinteressen:
Digitales Publizieren, Digitale Editionen, Metadaten und Datemmodellierung

Die Teilnehmerzahl ist auf 40 Personen begrenzt. Der Workshop sollte eine Dauer von einem halben Tag haben. Benötigt werden ein Beamer, Moderationsmaterial und eine Raumgröße, welche die Bildung mehrere Arbeitsgruppen ermöglicht.

Bibliographie

Degkwitz, Andreas (2015): “Enhanced Publications Exploit the Potential of Digital Media”, in: Evolving Genres of ETDs for Knowledge Discovery. Proceedings of ETD 2015 18th International Symposium on Electronic Theses and Dissertations 51-59.

DHd-Arbeitsgruppe (2016): "Digitales Publizieren", in: DHd-Arbeitsgruppe (eds.): Working Paper "Digitales Publizieren"
http://diglib.hab.de/ejournals/ed000008/startx.htm [letzter Zugriff: 21.09.2018]

Dogunke, Swantje / Steyer, Timo / Mayer, Corinna (2018): "Barcamp Data and Demons: von Bestands- und Forschungsdaten zu Services. Treffen sich ein Bibliothekar, eine Archäologin, ein Informatiker, …", in: LIBREAS. Library Ideas 33
https://libreas.eu/ausgabe33/dogunke/ [letzter Zugriff: 21.09.2018].

Fitzpatrick, Kathleen (2011): Planned Obsolescence Publishing, Technology, and the Future of the Academy. New York: New York Univ. Press.

Herb, Ulrich (2012): "Offenheit und wissenschaftliche Werke: Open Access, Open Review, Open Metrics, Open Science & Open Knowledge”, in: Herb, Ulrich (eds): Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft. Saarbrücken Universaar 11-44.

Kohle, Hubertus (2017): “Digitales Publizieren” in: Jannidis, Fotis / Kohle, Hubertus / Rehbein, Malte (eds.): Digital Humanities. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler Verlag 199-205.

Maciocci, Giuliano (2017): "Designing Progressive Enhancement Into The Academic Manuscript: Considering a design strategy to accommodate interactive research articles", in: Blogpost auf eLife Sciences
https://elifesciences.org/labs/e5737fd5/designing-progressive-enhancement-into-the-academic-manuscript [letzter Zugriff: 21.09.2018].

Penfold, Naomi (2017): "Reproducible Document Stack – supporting the next-generation research article", in: Blogpost auf eLife Sciences
https://elifesciences.org/labs/7dbeb390/reproducible-document-stack-supporting-the-next-generation-research-article [letzter Zugriff: 21.09.2018].

SoSciSo Redaktion (2017): "Kollaboratives Schreiben mit webbasierten Programmen", in: Blogpost auf Social Science Software
https://www.sosciso.de/de/2017/kollaboratives-schreiben/ [letzter Zugriff: 21.09.2018].>

W3C (2017): "W3C Data Activity. Building the Web of Data"
https://www.w3.org/2013/data/> [letzter Zugriff: 21.09.2018].

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Conference Info

Incomplete

DHd - 2019
"multimedial & multimodal"

Hosted at Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Johannes Gutenberg University of Mainz), Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main (Goethe University of Frankfurt)

Frankfurt & Mainz, Germany

March 25, 2019 - March 29, 2019

131 works by 311 authors indexed

Conference website: https://dhd2019.org/

Contributors: Patrick Helling, Harald Lordick, R. Borges, & Scott Weingart.

Series: DHd (6)

Organizers: DHd