Wandel in der Wissenschaftskommunikation? Ergebnisse der Umfrage bei den Bloggenden von de.hypotheses.org

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  1. 1. Mareike König

    Deutsches Historisches Institut Paris

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Die einfache Zugänglichkeit von Wissenschaftsblogs ab der Jahrtausendwende ermöglicht es Forschenden, selbst zu entscheiden wann, wo und was sie veröffentlichen wollen. Diese selbstbestimmte Übernahme eines wissenschaftlichen Publikationsraums ist ein spektakulärer Schritt, ähnlich wie die Erfindung von "Essays" durch Montaigne im 16. Jahrhundert oder die Entstehung der "Gelehrtenrepublik" ab der Mitte des 17. Jahrhunderts (König 2015: 58). Wissenschaftliche Blogs sind Orte, in denen aus laufenden Forschungsprojekten kommuniziert und mit der Fachcommunity diskutiert werden kann. Sie ermöglichen Einblicke in das Labor oder die Werkstatt der Forschenden und zeigen damit "Wissenschaft im Entstehen" (Mounier 2013). Der wissenschaftliche Austausch über Blogartikel, Kommentare und Links ist interaktiv, schnell und direkt, in einer einzigartigen Weise, die in anderen Publikationsformaten wie Mailinglisten oder Zeitschriften nicht möglich ist oder nicht praktiziert wird. Blogs können als das fehlende Bindeglied zwischen mündlicher Kommunikation auf Konferenzen oder in Universitätsseminaren und schriftlicher Kommunikation in traditionellen Artikeln oder Rezensionen angesehen werden. Sie ermöglichen es Forschenden, eine direkte Verbindung zugleich zu ihren Peers und zu ihren Studierenden herzustellen und darüber hinaus mit Journalisten und der interessierten Öffentlichkeit in Kontakt zu treten.
Seit 2012 sorgt das Blogportal für die Geistes- und Sozialwissenschaften de.hypotheses.org für eine florierende Blogpraxis im deutschsprachigen Raum. Das Portal ist Teil der europäischen Plattform hypotheses und bietet als zentraler Einstiegsort kostenlose und werbefreie Blogs an für Forschende, die technische Updates, Hosting und Sicherheitsfragen nicht selbst übernehmen können oder wollen und Teil einer Community sein möchten. Community Management und Redaktion bewerben die besten aktuellen Beiträge in den sozialen Medien und auf der Startseite der Plattform. Sie bieten außerdem technischen und graphischen Support und beantragen bei den Nationalbibliotheken die Zuteilung einer ISSN für die Blogs. Die Blogbeiträge sind mit Permalinks versehen und die Inhalte der Plattform werden von BnF und DNB archiviert. Derzeit sind auf der deutschsprachigen Seite rund 350 Wissenschaftsblogs vereint.
Obwohl es sich um ein relativ neues Phänomen handelt, ist die Forschung zur wissenschaftlichen Nutzung von sozialen Medien in den letzten Jahren stark gewachsen (für einen umfassenden Überblick siehe Sugimoto et al. 2017). Die empirische Forschung zur Nutzung von sozialen Medien erfolgt durch Fragebögen, qualitative Interviews und teilnehmende Beobachtungsstudien. Diese Studien untersuchen Praktiken von innen heraus und fragen Forschende nach ihren Methoden, Vorlieben oder Widerständen in Bezug auf die wissenschaftliche Nutzung von sozialen Medien (siehe z.B. Ponte und Simon (2011), hauptsächlich für Großbritannien; Bader, Fritz und Gloning (2012) und Pscheida et al. (2013) für Deutschland). Andere Forschungsbereiche untersuchen digitale Praktiken und Online-Communities von außen, z.B. über die Analyse von Inhalten und Sprache oder über die Analyse von Netzwerken anhand von Links und Kommentaren. Beide Arten von Studien zeigen zumeist eine Vielzahl von unterschiedlichen Nutzungen, Zwecken und Motiven der sozialen Medien, je nach Plattform, akademischem Rang, Status, Geschlecht und Alter der Forschenden sowie unterschiedlich nach Disziplinen, Ländern und geografischen Regionen.
Statistiken und Beobachtungen der geisteswissenschaftlichen Blogs geben einen Einblick in die Motivationen der Bloggenden, in ihre Blogpraktiken wie auch in ihre Kommunikation über Kommentare und Verlinkungen. Abgesehen von den beiden erwähnten bereits gealterteten Umfragen allgemein zu sozialen Medien in der Wissenschaft (Bader, Fritz und Gloning, 2012, sowie Pscheida et al. 2013), gab es anders als im angelsächsischen Raum (Jarreau 2015) im deutschsprachigen Raum noch keine spezifische Befragung geisteswissenschaftlicher Bloggenden im größeren Ausmaß. Diese Lücke wird durch eine Umfrage geschlossen, die im Herbst 2018 bei den rund 350 Blogs von de.hypotheses sowie auch darüber hinaus durchgeführt wird und deren Ergebnisse der Vortrag vorstellen möchte.
Die Umfrage zielt in erster Linie darauf, Gründe für das Wissenschaftsbloggen sowie konkrete Praktiken des geisteswissenschaftlichen Bloggens abzufragen und darüber mögliche Änderungen im Publikations- und Kommunikationsverhalten von Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern empirisch gestützt zu ermitteln. Als empirische Studie mit medientheoretischem Bezug knüpft der Vortrag damit direkt an das Tagungsthema an.
Die Hauptfragebereiche der Umfrage beziehen sich auf Motivationen für das Bloggen, auf Inhalte, Zeitaufwand, Publikum und formale Gestaltung sowie auf den „Erfolg“ der Blogs in Bezug auf Kommentare, Rückmeldungen und Zugriffsstatistiken. Das Abfragen von Personendaten soll ermöglichen, diese Antworten mit akademischem Rang, Alter und Geschlecht der Bloggenden zurückzukoppeln und darüber etwa gender- und statusspezifische Praktiken ausmachen zu können. Dagegen geht es nicht um die Abfrage der Zufriedenheit der Bloggenden mit der Plattform de.hypotheses selbst. Folgende Themenblöcke werden u.a. angesprochen:
Die Nutzung wissenschaftlicher Blogs ist je nach Strategie und Zielen der Forschenden sehr unterschiedlich. In der Kategorie "Über das Blog" auf den Wissenschaftsblogs von de.hypotheses bekommt man dazu einen Einblick. Bloggende Forschende nennen als erste Motivation den Wunsch, ihr Forschungsthema zu diskutieren, ihre Online-Reputation zu verbessern, sich in der Wissenschaft zu positionieren und Netzwerke zu pflegen (König 2015: 59). Darüber hinaus wollen die Forschenden das Schreiben üben oder ihren Schreibstil verbessern und sich kreativ ausdrücken. Andere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Bloggen Forschenden das Gefühl vermittelt, in ihrer Arbeit mit anderen verbunden zu sein (Mewburn und Thomson 2013: 1107). Blogs können als Dokumentation für Forschungsprojekte dienen, als eine Art digitaler Zettelkasten, der über Schlagwörter und Kategorien strukturiert und öffentlich zugänglich ist. Diese Angaben zur Motivation und Gründe des Bloggens werden in der Umfrage abgefragt, wobei es zugleich auch darum gehen wird, ob diese Ziele subjektiv nach Empfinden der Einzelnen erreicht werden.
Ein weiterer Fragenblock der Umfrage behandelt die internen Abläufe bei der Veröffentlichung auf Wissenschaftsblogs. Einige Blogs funktionieren ähnlich wie Zeitschriften: Sie haben eine Redaktion, die Autorinnen und Autoren einlädt, Artikel redaktionell bearbeitet und sicherstellt, dass Blogbeiträge in traditionellen Bibliographien und Bibliothekskatalogen katalogisiert werden. Aber auch in Einzelblogs publizieren Autorinnen und Autoren oftmals erst, nachdem die Beiträge von einer anderen Person gegengelesen worden sind. Dies schließt an die Beobachtung an, dass Forschende ihre Blogs als Orte der Selbstpublikation nicht leichtsinnig befüllen, sondern sich viele Gedanken machen, was sie wann, wie und in welcher Form publizieren. Vielen Forschenden fällt es schwer, unfertige oder aufkommende Ideen zu veröffentlichen. Sie haben Angst davor, sich zu irren und wollen vermeintliche Sackgassen nicht öffentlich machen. Die Angst vor Plagiaten hindert sie ebenso daran, über aktuelle Erkenntnisse und aktuelle Projekte zu bloggen. Welche strategischen und konzeptionellen Grundideen geisteswissenschaftliche Bloggende verfolgen soll ebenso wie die Organisation der redaktionellen Zwischenschritte vor der Veröffentlichung durch die Umfrage deutlich werden.
Es gibt eine große Vielfalt an Inhalten, die in wissenschaftlichen Blogs veröffentlicht werden. Einige Bloggende schreiben grundsätzlich nur über ihr Forschungsthema. Andere diskutieren wissenschaftliche Arbeitspraktiken, geben Karriereberatung oder nutzen ihr Blog zur Begleitung der Lehre. Häufig wird in wissenschaftlichen Blogs die akademische Kultur allgemein kritisiert (Mewburn und Thomson 2013: 1110). Alles in allem lassen Blogs den Forschenden als hybride Person erscheinen und zeigen, dass die akademischen Interessen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern viel breiter sind als die in klassischen Medien veröffentlichte Forschung das widerspiegelt (Mewburn und Thomson 2013: 1114). Darüber hinaus unterstreicht der unterschiedliche und informelle Stil der Blogartikel die Vielfalt des wissenschaftlichen Schreibens und die Vielfalt der Perspektiven. In wissenschaftlichen Blogs ist es möglich, in der ersten Person Singular zu schreiben, engagiert, witzig, kreativ und essayistisch zu schreiben, Smileys oder Strikes zu verwenden, Code, Bilder und Videos einzubetten und damit multimedial zu publizieren (König 2015: 64-65). Die Umfrage soll Aufschluss geben, ob und in welchem Umfang die bloggenden Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler von den stilistischen Freiheiten des Genres profitieren oder ob sie sich freiwillig an traditionellere Formate und Publikationsrhythmen anpassen.
Einige explorative Studien deuten darauf hin, dass sich Blogs weder bei der Sprachwahl noch bei der Themenwahl an ein Laienpublikum wenden (Mahrt und Puschmann 2014: 4; Mewburn und Thomson 2013: 1113). In der Umfrage wird gezielt bei der deutschsprachigen Community von hypotheses abgefragt, an welches Publikum sich die Forschenden in der Regel wenden, ob der Transfer von Forschungsergebnissen in die Öffentlichkeit zu den Zielen gehört und ob sich die Bloggenden sprachlich auf ein Laienpublikum einstellen oder ob sie auf Medienaufmerksamkeit zielen. Es gibt Rückmeldung von Bloggenden, wonach Blogbeiträge als Vorstufe für Peer Review-Artikel gesehen werden und Forschende aufgrund von Blogbeiträgen aufgefordert worden sind, diese zu vollständigen Artikeln auszubauen. Wie verbreitet dieses Phänomen ist, soll die Umfrage empirisch zeigen.
Bloggen wird als eine hochgradig interaktive Praxis angesehen (Mahrt und Puschmann 2014: 6), obwohl Kommentare zu geistes- und sozialwissenschaftlichen Blogs knapper geworden sind, u.a. weil die Diskussion von Blogartikeln auf Twitter, Facebook oder andere soziale Medien verschoben wurde (König 2015: 72). Auf dem Blog-Hub SciLogs mit mehrheitlich Bloggenden aus den Naturwissenschaften erhalten Artikel durchschnittlich fünf Kommentare. Blogging-Stars wie der österreichische Astronom Florian Freistätter wiederum erhalten regelmäßig zwischen 50 und 100 Kommentare pro Artikel (Lobin 2017: 226). Die aktuellen Statistiken für die Plattform de.hypotheses liegen zwar vor, bei den Bloggenden wird aber nachgefragt, wie sie mit den Kommentaren umgehen, ob sie selbst welche schreiben, ob die Inhalte der Kommentare überwiegend positiv, neutral oder negativ sind, welche andere Form von Rückmeldungen sie für ihre Blogbeiträge erhalten und wie wichtig ihnen diese für das Einschätzen des eigenen Erfolgs sind.

Bibliographie

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Sugimoto, Cassidy R. / Sam Work / Vincent Larivière / Stefanie Haustein (2017):
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